Gastbeitrag - Die Pfeilspitze im Herzen der inneren Kinder


Das Kind in uns lebt nicht nur als ein Persönlichkeitsanteil, sondern ist mannigfaltig. Es sind die Personifizierungen all der Erfahrungen, die wir in den ersten Lebensjahren machten – ob positiv oder negativ. Dieses »innere Kind« zu entdecken, kann der Anfang eines erfüllten Lebens sein. Doch soll uns immer bewusst sein, dass wir neben verletzten Anteilen auch gesunde, ressourcenvolle Anteile haben, wenn wir uns auf diese Reise machen.

Neben dem „Gesunden Inneren Kind“ und dem „Inneren Erwachsenen“ tauchen je nach Situation verletzte innere Kinder auf, wenn diese in Verbindung mit einem „Wunden“ Punkt stehen. Eine aktuelle Situation erinnert bewusst und unbewusst an eine vergangene Erfahrung, in der wir emotional verletzt wurden oder unsere Bedürfnisse nicht berücksichtigt wurden. Wenn das Innere Kind im negativen Muster in Führung geht, reagieren wir in diesen Situation unangebracht und unsere Umgebung versteht uns dann oft nicht und wir fühlen uns auch nicht verstanden.

Es gibt viele innere-Kind Konzepte, Dr. Matthias Hammer, Psychologischer Psychotherapeut aus Deutschland, hat ein für Betroffene sehr verständliches Konzept entwickelt.

Hier ein Auszug:

Photo by Kat J on Unsplash

„Trauriges Kind“

Wenn wir als Kind erfahren haben, dass unser zentrales Bedürfnis nach Bindung, Beziehung und Liebe nicht erfüllt wurde, dass wir nicht verstanden und angenommen wurden, dann erleben wir viel Traurigkeit. Im Laufe der Zeit entwickeln wir ein trauriges inneres Kind. Es kann durch unterschiedliche Erfahrungen entstehen, Verluste durch Tod oder Umzug.


Das zentrale Selbstverständnis des „traurigen Kindes“ ist:

»Ich bin verlassen, schutzlos und nicht geborgen.«

»Ich bin anders als die anderen und gehöre nicht dazu.«

»Ich bin nicht verbunden mit den anderen.«

»Ich bin es nicht wert geliebt zu werden.«

Das traurige Kind braucht die Erfahrung von Trost, Verbundenheit und Zugehörigkeit.

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„Ängstliches Kind“

Ängstliche Kindanteile entstehen in der Erfahrung mit wichtigen anderen Menschen. So ist es oft die Erwartung der Eltern, und die Angst vor Bestrafung, Konsequenzen einerseits. Andererseits kann es auch an der Überbehütung der Eltern liegen, beispielsweise wenn wir oft hören „Pass auf, dass xy nicht passiert“, „Tu dies und das nicht“, „Menschen sind schlecht“, etc. Aus den möglichen Gefahren entwickelt sich dann eine Angstprägung.

Das zentrale Selbstverständnis des „ängstlichen Kindes ist“:

»Ich bin schwach, verletzlich und wehrlos.«

»Ich bin allein, ungeschützt und kaum überlebensfähig.«

»Ich bin schutzlos und anderen ausgeliefert.«

»Ich habe Angst vor Nähe.«

Das ängstliche Kind braucht die Erfahrung von Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit oder auch Selbstentfaltung.

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„Beschämtes Kind“

Das beschämte Kind entsteht in Situationen, in denen wir beschämt werden, bei Hänseleien und Mobbing in der Schule oder im Internet oder wenn wir aufgrund unseres Aussehens – wegen Übergewicht, einer auffälligen Zahnspange oder körperlichen Abweichungen – Beschämung oder Ausgrenzung erfahren. Aber auch Kränkungen und Verletzungen durch Eltern oder andere Bezugspersonen aufgrund von Schwächen oder Besonderheiten können zu einem inneren beschämten Kindanteil kommen.



Das zentrale Selbstverständnis des „beschämten Kindes“ ist:

»Ich bin nicht in Ordnung«

»Ich habe einen wesentlichen Makel.«

»Ich bin nicht liebenswert.«

»Ich bin fehlerhaft.«

»Ich bin nicht gut genug / nicht intelligent genug / nicht mutig genug / nicht attraktiv genug.«

»Ich habe es nicht verdient, anständig behandelt zu werden.«

»Ich bin schuld daran, dass es mir in der Kindheit so schlecht erging.«

Das beschämte Kind braucht die Erfahrung Wertschätzung und Zugehörigkeit.

Photo by Annie Spratt on Unsplash

„Schuldiges Kind“

Ist das schuldige Kind aktiv, ist unser Schuldempfinden unangemessen. Es übernimmt oft Verantwortung für andere oder für Aufgaben, die es gar nicht erfüllen kann.

Wenn wir in der Kindheit wiederholt die Erfahrung gemacht haben, den Erwartungen wichtiger Bezugspersonen nicht gerecht und dafür bestraft zu werden, entwickeln wir die Grundüberzeugung, schuldig zu sein.

Das zentrale Selbstverständnis des „schuldigen Kindes“ ist:

»Ich muss die Erwartungen der Anderen erfüllen.«

»Ich darf keinen Fehler machen.«

»Meine Handlungen führen zu schweren Schäden für andere.«

»Andere können nicht so gut für sich sorgen, ich bin verantwortlich, wenn ihnen etwas passiert.«

Das schuldige Kind braucht die Erfahrung von Fürsorge, Toleranz und dem Gefühl authentisch sein zu dürfen.

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„Wütendes Kind“

Das wütende innere Kind entsteht, wenn Menschen in den ersten Jahren wenig Zuneigung, Sicherheit und stattdessen Ungerechtigkeit erleben. Bedürfnisse des Kindes wurden frustriert. Das Kind hat gelernt, nur durch Trotz oder Wut diese Bedürfnisse artikulieren zu können. Seine Wutausbrüche sind allerdings oft so heftig, dass für andere nicht mehr nachvollziehbar ist, worum es geht und welches Bedürfnis eingefordert wird.

Deshalb führen die Ausbrüche meistens nicht zu einer Klärung der Situation, sondern zu noch mehr Streit und Aggression. Oft gab es Vorbilder, die ebenfalls nicht mit Wut umgehen konnten. Oft wird es nach einem Wutausbruch wütend auf sich selbst, weil es es wieder nicht geschafft hat, sinnvoll mit der Wut umzugehen, und schon einige Beziehungen damit zerstört hat. So richtet es die Wut manchmal auch gegen sich selbst.


Verschiedene Grundannahmen können diesen Teufelskreis verstärken:

»Ich darf nicht wütend sein.«

»Meine Wut ist so zerstörerisch, dass ich sie unterdrücken muss.«

»Vor meiner Wut muss ich Angst haben.«

»Wenn ich mich nicht wehre, werde ich fertiggemacht.«

»Ich muss kämpfen.«

Das wütende Kind kann auch entstehen, wenn Kinder unter starren, wenig Autonomie erlaubenden Bedingungen aufwachsen. Die Wut kann dann ihr Ausweg sein, um ihr Autonomiebedürfnis zu leben. Diese möchten dann im Erwachsenenleben umso autonomer sein.

Ein zentrales Selbstverständnis ist dann oft

„Ich lasse mich nicht einschränken.“

„Ich lasse mir keine Vorschriften machen.“

„Über mich bestimmt keiner!“

Das wütende Kind braucht Sicherheit, Verständnis und Zugehörigkeit.

Photo by Annie Spratt on Unsplash

„Eifersüchtiges Kind“

Das eifersüchtige Kind entsteht, da ihm anderes oder andere vorgezogen wurden. Das kann bei Geschwistern passieren, wenn dem Geschwisterkind, egal ob jünger oder älter, der empfundene oder offensichtliche Vorzug gewährt wurde. Auch wenn Eltern einem Haustier mehr Liebe schenken als dem Kind selbst, da sie dieses als schützendwerter oder einfach liebevoller erachten. Erwachsene erwarten sich dann oft, das PartnerIn jemanden anderen aus ihrem Leben verbannen, da diese Person eine emotionale Gefahr für sie birgt.


Das zentrale Selbstverständnis des „eifersüchtigen Kindes“ ist:

„Ich bin nicht liebenswert.“

„Ich muss um Liebe kämpfen.“

„Ich bin es nicht wert, dass jemand xy für nicht macht.“

Das eifersüchtige Kind braucht emotionale Sicherheit, Halt und Gleichwertigkeit.

»DU BIST SOVIEL MEHR ALS SIE DIR GESAGT HABEN«

Neben diesen inneren Kindanteilen, gibt es jedoch auch subtilere Formen, dass es sich um verletzte innere Kindanteile handelt. Dazu zählen beispielsweise der Perfektionismus oder wenn wir uns mittels Alkohol/Medikament, Nikotin ua betäuben, jegliche Form von unangemessen zuviel. Auch intensiver Rückzug oder das Vermeiden von bestimmten Handlungen oder Orten.

Photo by Jordan Whitt on Unsplash

Das innere Kind und die Bindung

Der englische Psychoanalytiker John Bowlby hat in den 1950er-Jahren die Bindungstheorie entwickelt. Diese besagt, dass wir als Kind vier psychische Grundbedürfnisse haben:


1. Das Bedürfnis nach emotionale Bindung

2. Das Bedürfnis nach Autonomie und Sicherheit

3. Das Bedürfnis nach Lustbefriedigung

4. Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Anerkennung

Dieses von der Biologie angelegtes Bindungssystem in uns wird natürlich stark davon beeinflusst wie die vertraute Person des Kindes damit umgeht.

Die Art der Gefühle, Erwartungen und Verhaltensweisen in dieser Bindungsbeziehung hängt von den Erfahrungen mit der wichtigsten Bezugsperson ab - das muss nicht immer die Mutter oder der Vater sein.

Das sogenannte Bindungsmuster, das sich während der ersten Lebensjahre ausprägt, bleibt in seiner Grundstruktur relativ konstant. Für das Kind ist die Bindung an die Person, die Schutz und Fürsorge gewährt, von lebenserhaltender Bedeutung.

Das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit durch eine zuverlässige Bindungsperson, die in Gefahrensituationen Schutz und Hilfe gewährt, bleiben lebenslang bestehen. Studien zur emotionalen Stabilität und Belastbarkeit haben gezeigt, dass das Vorhandensein zumindest einer verlässlichen Bezugsperson ein essentieller Schutzfaktor für seelische Belastungen ist.

»ERST WENN ALLE INNEREN KINDER ZU HAUSE SIND, SIND WIR FREI«

Wie fühlt sich ein gesundes Inneres Kind an?

Versuchen Sie einmal mit diesem hier beschriebenen gesunden Inneren Kind Kontakt aufzunehmen, indem Sie in Resonanz gehen und fühlen Sie in sich hinein. Wo ist es stimmig für Sie, wie leben Sie es schon und wo gibt es noch Potenzial zur Verbesserung?


Dein Atem fließt in der Regel ruhig, sanft und tief. Deine Gefühle und Bedürfnisse sind klar und können von dir problemlos ausgedrückt werden. Mit dem gesundem inneren Kind fühlst Du dich sicher, geborgen und geliebt. Du hast einen tiefen Kontakt zu dir selbst und somit auch zu anderen. Du weißt genau wer du bist, was gut für dich ist und was Du brauchst. Du bist dir deiner selbst sicher.

Interessiert gestaltest du dein Leben nach deinen eigenen Bedürfnissen. Du kennst und achtest deine eigenen Grenzen und die der Anderen. Du bist bei dir und besitzt die Fähigkeit auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben und angemessen zu reagieren. Deine Liebes- und Beziehungsfähigkeit ist voll entwickelt, Deine zwischenmenschlichen Beziehungen verlaufen harmonisch. Du hast das Gefühl, dass es das Leben gut mit dir meint und strahlst dies auch aus.

»WENN DU WEISST WER DU BIST, KANNST DU WERDEN WER DU WILLST!«


Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

Jeder der verletzte innere Kindanteile hat, kann als ersten Schritt lernen mit diesem Teil fürsorglich und liebevoll umzugehen - das beginnt im inneren Dialog.

Dem Anteil Mitgefühl, Trost, Wertschätzung zu schenken und mit ihm Achtsam im Alltag umgehen sind ein guter Beginn. Bedenken sie auch, dass es ein Anteil in uns ist, der sich von seiner guten Ursprünglichkeit entfernt hat. Denn hinter jedem dieser inneren verletzten Anteile steht eine gute Absicht. Diese gilt es wieder zu finden, oft geht das nur mit Hilfe von psychologischer Unterstützung.




 

Nicole Katzenschlager, Dipl.psych.Beraterin für Einzelpersonen und Paare.

www.emotions-coaching.at

Themenpunkte: Denk-, Verhaltens- oder Glaubensblockade; spezifische Ängste; Kindheitsprägungen; Trennungsschmerz / Beziehungsmuster; Stress, Schlafprobleme, Erschöpfung, Burnoutprävention; Beziehungskrise (Klärung, Zusammenfinden, Trennungsbegleitung) auch gleichgeschlechtlich.

Quellen:

Liebe das Kind in dir - Matthias Hammer,

Beziehungs- und Bindungspersönlichkeitstypen bei Singles - Christiane Kadasch,

Trauma - Luise Reddemann, Cornelia Dehner-Rau

Bindungstheorie in der Praxis - Susan M. Johnson



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