Nein-Sagen will gelernt sein

Von chronischen Ja-SagerInnen, Schuldgefühlen und Egoismus



Finden Sie sich oft in der Situation wider, dass Sie niemandem etwas abschlagen können?


Ja, wenn andere Sie immer wieder um etwas bitten, das Sie gar nicht machen möchten.

Ja, wenn Sie für die Kollegin wieder eine ihrer Aufgaben übernehmen sollen.

Ja, wenn die Chefin Überstunden anordnet.

Ja, wenn der Bekannte Sie zum wiederholten Male nach Geld fragt, von dem Sie wissen, dass Sie es nie wieder zurück bekommen.

Ja, wenn der Bruder vergisst, das Geburtstagsgeschenk zu besorgen und Sie es schnell noch machen sollen.

Ja, wenn Sie im Urlaub, am Wochenende oder am Abend noch schnell etwas für die Arbeit machen sollen.

Ja, wenn der Freund eine Party planen will, man dann aber selbst, wie immer, die meisten Aufgaben übernehmen muss.

Ja, wenn die Freundin täglich mit Ihnen laufen gehen will und gekränkt reagiert, wenn man manchmal einfach keine Lust hat.


„Nein“ ist ein vollständiger Satz!


Man darf natürlich auch ja sagen. Selbst, wenn man eigentlich keine Lust hat, tut man dem Gegenüber manchmal aus reiner Nächstenliebe etwas Gutes, und das darf auch so sein.


Schwierig wird es, wenn die Psyche unter einem konstanten „ja-sagen“ beginnt, zu leiden.



Obwohl meine Deutschlehrerin-Mutter vielleicht nicht zustimmen würde, ist „Nein“ ein kompletter Satz, der nicht mit zusätzlichen, ausgeschmückten Worten verschönert werden muss.




Nein-sagen muss aber erst gelernt sein. Es ist nicht immer einfach, den Liebsten oder auch dem Chef einen Gefallen abzuschlagen. Noch schwieriger ist es, wenn man eigentlich keine gute Ausrede hat.


Trotzdem ist für die meisten von uns irgendwann der Punkt erreicht, an dem wir unsere eigenen Interessen nicht mehr zurückstellen sollten und eine Bitte abschlagen müssen.


Ich habe ein paar Tipps und Tricks zusammengestellt, wie das am Besten gelingen kann.


Wer fragt mich da?



Als chronische Ja-SagerInnen fällt es manchmal schwer, die Menschen um sich herum richtig einzuordnen. Sind es welche, die auch für mich immer wieder etwas tun, wenn ich danach frage? Oder eher solche, die mich nur anrufen, wenn sie etwas von mir wollen, weil sie eh wissen, dass ich nicht nein sagen kann?


FreundInnen, KollegInnen und Bekannte einmal rational einzuordnen, kann helfen, sich klarzuwerden, wem man ruhig ja sagen kann und bei wem man eher auf Abstand gehen sollte.


Bedenkzeit einräumen


„Puh, das kann ich gerade nicht beantworten. Ich melde mich später.“


Wir wissen es meistens eh gleich, ob wir das, was da von uns verlangt wird, machen wollen oder nicht. Aber vor allem zu Beginn der Reise ins „nein-sagen“, kann es helfen, sich eine kurze Bedenkzeit einzuräumen.

Und ein nein, nachdem der Gegenüber glaubt, dass man es sich gut überlegt hat, trifft nicht ganz so hart wie ein nein, das wie aus der Kanone geschossen kommt.


Aber, aber, aber…


Manche Menschen machen es uns zusätzlich schwer, nein zu sagen. Sie wollen schließlich, dass wir etwas für sie tun und nutzen dazu diverse Strategien, von denen sie gelernt haben, dass sie wirken. Dazu gehören Erpressung, Druck, Schmeicheleien, Schuldgefühle auslösen, die Mitleidstour und Überrumpelung.

Hier hilft nur eines; diese Strategien erkennen und entlarven. Wenn wir wissen, mit welchem Arsenal das Gegenüber arbeitet, können wir uns viel besser schützen.


Konsequenzen erkennen


Was sind die Konsequenzen, wenn ich nein sage?

Und noch wichtiger: Was sind die Konsequenzen, wenn ich ja sage?

Wie viel Energie, Zeit, Lust und Liebe raubt mir das ja sagen? Wie viel davon bekomme ich zurück?


Stellen Sie sich diese Fragen bewusst und geben Sie sich Zeit beim Beantworten.


Beispiel-Szenario: Wenn ich einer Bekannten fast täglich stundenlang zuhöre, sie mir ewig ihre Probleme erzählt und dabei nie nach meinem Wohlbefinden fragt, dann kann das sehr schnell sehr anstrengend werden. Wenn ich nein sage, dann jammert sie, dass sie niemanden hat, der ihr sonst zuhört.


Die Konsequenzen sind klar. Wenn ich ja sage, dann wird mir konstant Energie geraubt, ohne dass ich von ihr etwas zurückbekomme. Wenn ich nein sage, dann versucht sie, mir Schuldgefühle zu machen.


Grenzen setzen


Führen wir das Beispiel fort. Ist mir die Person eigentlich sehr wichtig, oder ist es vielleicht nur eine Phase (z.B. nach einer Trennung), dann muss ich nicht immer nein sagen. Aber ich kann, auch für mich, Grenzen setzen.


„Ich höre dir gerne zu, aber jetzt geht nicht. Ich kann dich nächste Woche anrufen.“


Das nimmt dem Gegenüber die Luft aus den Segeln. Wir wollen ja helfen und bieten gleichzeitig einen Zeitpunkt an, an dem wir das tun. Und für uns bedeutet das eine Woche, in der wir uns um uns selbst kümmern können und die gleichen Geschichten nicht noch einmal hören müssen.


Sollte es so sein, dass uns die Bekannte wenig wichtig ist und wir uns ihre Probleme eigentlich nie wieder anhören wollen, dann müssen härtere Grenzen her.


„Du, ich will ehrlich sein. Ich bin nicht die richtige Person, um über dieses Problem zu reden. Bitte sprich mit jemandem anderen darüber.“


Sich selbst Erlaubnis zum nein-sagen geben


Wir sind nicht egoistisch, wenn wir nein sagen! Wir haben nur eine begrenzte Energie in uns, um uns um andere Menschen zu kümmern, ohne dass unser eigenes Wohlbefinden angegriffen wird. Und wenn wir immer und überall ja sagen, kann uns plötzlich für die wirklich wichtigen Menschen oder Dinge in unserem Leben die Energie fehlen, und das hilft niemandem weiter.


Geben Sie sich also offiziell die Erlaubnis, auch einmal nein sagen zu dürfen!


Wie immer gilt, nicht alles, was wir nicht machen wollen, sollten wir gleich ausschlagen. Aber wenn wir darunter zu leiden anfangen, dann müssen wir etwas ändern.



Warum fällt mir das nein sagen eigentlich so schwer?


Es gibt verschiedene Gründe, warum wir manchen Menschen nie etwas abschlagen, obwohl wir wissen, dass uns das nicht guttut. Sich bewusst zu werden, was unsere Hauptgründe sind, kann helfen, unsere inneren Ängste zu bezwingen.


Fragen Sie sich also, welche der folgenden Ängste auf Sie zutreffen:

Angst, abgelehnt und nicht mehr gemocht zu werden.

Angst vor Konsequenzen.

Angst, egoistisch oder herzlos zu wirken.

Angst, nicht mehr gebraucht zu werden.

Angst, etwas zu versäumen.


Je nachdem, was auf Sie zutrifft, können verschiedene Übungen und Glaubenssatzänderungen helfen, Sie in Ihrem nein sagen zu bestärken. Machen Sie sich direkt ein Beratungsgespräch aus und lernen Sie, ohne Schuldgefühle und mit Nachdruck, nein zu sagen.

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